Architektur des Ortes: Wie viel Tradition verträgt die Zukunft?

Das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart beeindruckt durch seine ineinanderfließenden Räume

Wie viel Ortsbezug braucht Architektur?

Drei Orte in Stuttgart – drei radikal unterschiedliche Architekturhaltungen: die visionäre Weißenhofsiedlung, die traditionsbewusste Kochenhofsiedlung und das hochmoderne Mercedes-Benz-Museum. Doch wo verläuft die Grenze zwischen sensibler Ortsbezogenheit und rückwärtsgewandtem Konservatismus? Wann wird Regionalität zur architektonischen Qualität – und wann zur nationalistischen Abschottung? Ein Blick auf Architektur als Spiegel gesellschaftlicher Strömungen.

Drei Pole der Architektur in Stuttgart

Wer wie ich vor 20 Jahren Architektur studierte, lernte mehrere Dinge: Erstens, Le Corbusier ist eine Ikone für den Modernismus. Zweitens, ein Entwurf sollte die Magie des Ortes (“genius loci”) einfangen. Drittens, Architektur soll Entwicklungen und Bedarfe der Gesellschaft aufgreifen und innovativ sein. 

Ein Kurztrip nach Stuttgart bietet die Möglichkeit, gebaute Beispiele für diese drei Aussagen an einem Tag zu besichtigen: Die Weißenhofsiedlung steht für den modernistischen Bruch mit Traditionen, die Kochenhofsiedlung als bewusster Gegenentwurf für eine lokal verwurzelte Architektur und das Mercedes-Benz-Museum zeigt, wie ein regional ansässiges Unternehmen mit langer Geschichte Hightech-Architektur schafft. Diese drei Beispiele lassen sich vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen in ihrer Bedeutung reflektieren: Wie schmal ist der Grat zwischen ortsbezogener Gestaltung und Konservatismus? Wie spiegelt Architektur gesellschaftliche Werte wider? Und müssen wir als Architekt:innen wirklich zwischen internationaler Beliebigkeit und regionaler Identität wählen – oder gibt es einen dritten Weg?

Drei Beispiele - drei Antworten auf den Ort

Die Weißenhofsiedlung – Das Manifest der Moderne

Die 1927 vom Deutschen Werkbund initiierte Siedlung ist ein herausragendes Beispiel des „Neuen Bauens“. Unter der Leitung von Ludwig Mies van der Rohe entwarfen damals führende Vertreter wie Le Corbusier, Gropius und Scharoun radikal moderne Wohnbauten. Weiß verputzte Kuben, Flachdächer, Fensterbänder, Stahlrohre und Dachterrassen waren nicht nur gestalterische Entscheidungen, sondern eine Abkehr vom Historismus und damals vorherrschenden Bauweisen.

Die Weißenhofsiedlung bricht bewusst mit lokalen Bauweisen und könnte – so lautete damals die Kritik – an jedem beliebigen Ort der Welt stehen. Der Begriff des “International Style” betont genau diesen Ansatz. Doch ihre Architekten wollten nicht ortslos bauen, sondern einen neuen Zeitgeist einfangen. Ihre Architektur war ein Manifest für Fortschritt, Licht und neue Lebensformen. Es war nicht der Verzicht auf Ortsbezug – vielmehr ging es um eine andere Art, sich mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen und durch neue Architektur neues Leben zu ermöglichen. 

Die Kochenhofsiedlung – Das bewusste Gegenmodell

Als (Gegen-)Reaktion auf die Weißenhofsiedlung entstand 1933 - ebenfalls in Stuttgart - die Kochenhofsiedlung. Sie stellt ein bewusst traditionalistisches Gegenmodell zur nahe gelegenen Weißenhofsiedlung dar. Die Siedlung ist geprägt durch Einfamilienhäuser in Holzbauweise mit Satteldächern, Klappläden mit Holzlamellen und sichtbarem Holzfachwerk. Auf die Materialbeschaffung aus den umliegenden Wäldern wurde ausdrücklich Wert gelegt, ebenso auf die vielfältigen gestalterischen Bezüge zur umgebenden Bebauung mit historischen Anklängen. Durch eine klare Verankerung in der lokalen Bautradition haben sich die Architekten bewusst abgekehrt von den experimentellen Entwürfen der Moderne.

Wie können wir das heute beurteilen: Ist das ein gelungener Ausdruck regionaler Identität oder ein nostalgischer Rückschritt? Ab wann wird Ortsverbundenheit zur konservativen Abschottung? Und wo ist die Grenze zwischen Regionalität und reaktionärer Haltung?

Das Mercedes-Benz-Museum – Ein Leuchtturm der digitalen Moderne?

Das 2006 eröffnete Mercedes-Benz-Museum gitl als eine Ikone der Hightech-Architektur. Entworfen von UNStudio, realisiert mit Unterstützung des Büros Werner Sobek, war es eines der ersten Gebäude Deutschlands, das durchgängig mit digitaler 3D-Planung entwickeltund realisiert wurde. Seine ineinanderfließenden Räume mit mehrfach gekrümmten Flächen eröffnen immer neue Blickwinkel und erzeugen eine beinahe futuristische Atmosphäre.

Stuttgart ist eine Autostadt – und das Museum ein Ausdruck dieses industriellen Selbstbewusstseins. Ist das Gebäude in seiner amorphen, hochtechnisierten Form ortsverbunden oder ausschließlich ein globales Prestigeprojekt? Vielleicht können wir am Mercedes-Benz-Museum erleben, dass Innovation und Ortsverbundenheit kein Widerspruch sein müssen. Das Gebäude ist entstanden aus der Tradition des Ingenieurwesens in der Region – als ein Beispiel von Hightech-Architektur beweist es, dass Gebäude eine Identität für Orte stiften können.

Architektur als Spiegel gesellschaftlicher Strömungen

Als Gestaltende der Umwelt sehen wir es einerseits als Stärke eines Entwurfs an, wenn wir die regionalen Besonderheiten aufgreifen, wie Materialien, Farben, Maße und Maßstab. Architektur soll nicht beliebig sein, sie soll charakteristisch sein und auf den Ort bezogen werden. Sie soll mit dem Ort in Beziehung treten - einen Dialog führen. Was ist der Genius Loci und wie schaffen wir es, ihn einzufangen und in eine zeitgemäße, vorwärts gerichtete Architektur zu kleiden? Eine Brücke zwischen Geschichte, Gegenwart, Zukunft und dem Ort zu schlagen? Auf die Besonderheiten des Ortes einzugehen, ohne eng, konservativ, nationalistisch zu werden?

Der Weißenhofsiedlung als Vertreterin der klassischen Moderne wurde von Kritikern ihr “Internationaler Stil” vorgeworfen. Es sei eine beliebige Architektur, die überall stehen könne und keinen Bezug zum Ort habe. Doch genau davon wollten sich die Architekten lösen: von zu viel Tradition und einer rückwärtsgewandten Architektur, einem Blick in die Vergangenheit. Sie blickten nach vorne und schufen Neues. Mit ihren Bauten brachten sie Licht und neue Konstruktionen, Materialien und Nutzungsaufteilungen in die Gesellschaft. Es gelang ihnen, andere Gesellschaftsformen und Gewohnheiten in ein neues Gewand zu kleiden.

Die Architektur des Mercedes-Benz Museums ist bemerkenswert mit seinen ineinander übergehenden Räumen, die beim Durchschreiten des Gebäudes immer wieder neue Perspektiven eröffnen. Die Ausstellung selbst ist sicher Geschmackssache, ich empfand sie eher als laute Daimler-Marketing-Maschine. Aber auch wenn ich die Ausstellung in dieser selbstherrlichen, egozentrischen und selbstkritiklosen Art schwer erträglich fand: Vielleicht ist das Gebäude ein modernes Beispiel dafür, wie aus etwas Konservativem (Autoindustrie in Schwaben, Fokus auf Verbrennungsmotoren) etwas Neues (Leuchtturmprojekt der digitalen Architekturplanung) mit eigenständigem Charakter entwickelt werden kann.

Diese drei Beispiele zeigen: Architektur ist immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Strömungen. Diese Strömungen drücken sich in fortschrittlichen oder rückschrittlichen Bauten aus.

Identity follows form

Wir müssen wachsam sein gegenüber gesellschaftlichen Strömungen und dem, was wir mit Architektur erreichen wollen. Wir dürfen den Anspruch nicht vergessen, einzigartige Orte zu schaffen. Natürlich darf Architektur nicht austauschbar sein. Aber die Weißenhofsiedlung, der Austauschbarkeit vorgeworfen wurde, ist heute eng mit der Stadt Stuttgart verbunden, ebenso wie die expressiven Bauten von Oscar Niemeyer mit der Stadt Brasilia. Möglicherweise sind es also die Gebäude, die die Identität eines Ortes ausmachen. Dazu brauchen sie Ausdruck, Kraft, Qualität und Innovation.

Architektur als Gradmesser

Ist Architektur ein Gradmesser für den Zustand der Gesellschaft, dafür, wie konservativ und rückwärtsgerichtet die Gesellschaft gerade ist? Insbesondere Entscheidungen bei öffentlichen Bauvorhaben sollten gut reflektiert und gesellschaftlich diskutiert werden. Welche Werte werden mit den Entwürfen vermittelt? 1:1-Rekonstruktionen von historischen Gebäuden und ganzen Quartieren, wie es beim Neumarktquartier in Dresden oder dem Berliner Stadtschloss geschehen ist, sprechen doch sehr oft eine nationalistisch-konservative Sprache. Diese Projekte vermitteln Werte, die auch dadurch gesellschaftliche Normen werden. Dass ortsbezogene, identitätsstiftende Architektur mit der Weiterentwicklung von Gesellschaft und Architektur möglich ist, ohne konservativ zu sein, zeigen beispielsweise die bezaubernden, inspirierenden und sensiblen Gebäude von Alvar Aalto, Peter Zumthor oder Anna Heringer. Wir müssen Sensibilität und Konservatismus unterscheiden, wenn wir regionale Identität erzeugen. Stattdessen müssen wir Sensibilität und Innovation verbinden.

Bleibt wachsam, bringt euch ein – und schafft Architektur, die sich mit der Zukunft auseinandersetzt, ohne die Vergangenheit zu verklären. Und wehret den Anfängen.

2025/02/02

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